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Superkick: Schwarzes Loch aus Muttergalaxie verstoßen
Gravitationsrakete beschleunigte das Schwerkraftmonster auf Tausende von
Kilometern pro Sekunde
Durch einen gewaltigen Ausbruch von Gravitationswellen beim Verschmelzen
zweier Schwarzer Löcher wurde das dabei entstandene Schwarze Loch aus dem Kern
seiner Galaxie herauskatapultiert. Dieser spektakuläre Vorgang, der von
Theoretikern seit langem vorhergesagt worden war, konnte jetzt zum ersten Mal
in der Natur beobachtet werden. Das Team um Stefanie Komossa vom Max-Planck-Institut
für extraterrestrische Physik (MPE) hat mit seiner Entdeckung ein neues Fenster
in der beobachtenden Astrophysik aufgestoßen, mit weitreichenden Folgen für unser
Verständnis der Galaxienentstehung und -entwicklung im frühen Universum
(Astrophysical Journal Letters, 10. Mai 2008).

Gesamtbild: MPE, zugrundeliegende Galaxie: HST Archiv
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Der Raketeneffekt der Gravitation schießt ein Schwarzes Loch aus seiner Galaxie
(künstlerische Darstellung).
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Beim Verschmelzen zweier Schwarzer Löcher breiten sich enorme Gravitationswellen
mit Lichtgeschwindigkeit aus. Da die Wellen bevorzugt in eine Richtung ausgesandt
werden, erhält das Schwarze Loch selbst einen Rückstoß, ganz ähnlich wie beim
Abschießen eines Gewehres oder beim Start einer Rakete: Es kann sich nicht mehr
im Kern der Galaxie halten, es wird "verstoßen". Ab einer bestimmten Geschwindigkeit
kann das Schwarze Loch seine Muttergalaxie ganz verlassen.
Die aufsehenerregende Beobachtung des MPE-Teams belegt erstmals eines dieser extremen
Ereignisse, die bisher nur in Supercomputern simuliert wurden. Das Schwarze Loch
fiel in der Sloan Himmelsdurchmusterung durch seine hohe Geschwindigkeit auf, die
die Astrophysiker mittels der besonders breiten, um 2650 Kilometer pro Sekunde
verschobenen Emissionslinien von Gasen rund um das Schwarze Loch messen konnten.
Das Schwergewicht von einigen 100 Millionen Sonnenmassen bewegte sich mit einem
Tempo von knapp 3000 Kilometern pro Sekunde. Zum Vergleich: Würde man in München
mit dieser Geschwindigkeit starten, hätte man innerhalb von weniger als einer Sekunde
Afrika erreicht. Aufgrund der ungeheuren Stärke dieses Rückstoßes wurde das Schwarze
Loch aus seiner Muttergalaxie herauskatapultiert.
Neben den Emissionslinien von Gas, das an das Schwarze Loch gebunden ist, fielen auch
ungewöhnlich schmale Linien aus der Galaxie selbst auf - sie stammen von Gas, das dort
zurückgelassen wurde. Dieses Gas ist nicht an das Schwarze Loch gebunden, es wird aber
von der Akkretionsscheibe um das rückstoßende Schwarze Loch beleuchtet.
Wenn ein Schwarzes Loch aus dem Kern gestoßen wird, bleibt die es direkt umgebende
Materie an das Schwarze Loch gebunden, der Rest jedoch bleibt zurück. Auf diese Weise
kann das Schwarze Loch noch für viele Millionen Jahre "gespeist" werden. Es saugt
weiterhin Gas aus dieser Scheibe auf, und dieses Gas leuchtet im Röntgenlicht.
Tatsächlich hat das Team um Komossa auch diesen Röntgenschein um das 10 Milliarden
Lichtjahre entfernte Schwarze Loch entdeckt: Die Himmelsregion wurde zufällig mit
dem Satelliten ROSAT abgelichtet, und ganz am Rande des Gesichtsfeldes entdeckte
man eine Röntgenquelle, deren Position mit der fernen Galaxie übereinstimmt.
Das Interesse der Astrophysiker an Gravitationswellen und ihren Effekten ist extrem
groß. Gravitationswellen, die energiereichsten Prozesse im gesamten Universum, kräuseln
den Raum wie ein ins Wasser geworfener Stein die Wasseroberfläche. Im Jahr 2006 wurden
erstmals in Computersimulationen Schwarze Löcher erfolgreich zum Verschmelzen gebracht
und die dabei entstehenden Gravitationswellensignale berechnet. 2007 gab es einen
weiteren Durchbruch: Supercomputer errechneten die ungeheure Stärke der Rückstöße,
die beim Verschmelzen zweier Schwarzer Löcher entstehen. Die Ergebnisse des Teams um
Komossa bedeuten nun einen weiteren Meilenstein der Forschung über Gravitationswellen,
der den bisher nur simulierten "Raketeneffekt der Gravitation" mit realen Beobachtungen
belegt.
Die neue Entdeckung beweist indirekt auch, dass Schwarze Löcher tatsächlich miteinander
verschmelzen - auch für diesen von der Theorie postulierten Vorgang gab es bisher keine
eindeutigen Belege. Aus der Beobachtung folgt aber darüber hinaus, dass es Galaxien
ohne Schwarze Löcher in den Kernen geben muss - und auf der anderen Seite
intergalaktische Schwarze Löcher, die auf alle Ewigkeit im Raum zwischen den Galaxien
treiben. Das wirft neue Fragen für die Forschung auf: Bildeten und entwickelten sich
Galaxien und Schwarze Löcher in der Frühphase des Universums gemeinsam? Oder gab es
eine Population von Galaxien, die ihrer Schwarzen Löcher im Kern beraubt wurden? Und
wie entwickeln sich diese Galaxien dann weiter?
In engem Wechselspiel zwischen Theorie und Beobachtung wollen sich die Astrophysiker
jetzt daran machen, diese Fragen zu klären. Unter anderem sollen verschiedene
Detektoren auf dem Erdboden und im Weltraum, wie etwa das derzeit im Bau befindliche
Weltraum-Interferometer LISA, in naher Zukunft auf die Fährte der Gravitationswellen
angesetzt werden. Für diese weitergehenden Untersuchungen ist die Erkenntnis des
MPE-Teams wichtig, dass der Mechanismus des Verschmelzens tatsächlich so funktioniert
wie von der Theorie vorhergesagt.
Originalveröffentlichung:
ApJ Letters, 678, L81, 2008 (10. Mai 2008; in englischer Sprache)
Vorabdruck in astro-ph: 0804.4585 (in englischer Sprache)
Weitere Informationen erhalten Sie von:
Dr. Mona Clerico
Pressesprecherin
Max-Planck-Institut für Astrophysik und
Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik
Tel.: +49 89 30000-3980
E-Mail: clerico@mpe.mpg.de
Dr. Stefanie Komossa
Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik
Tel.: +49 89 30000-3577
E-Mail: skomossa@mpe.mpg.de
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