 |
Druckversion im pdf-Format
Vermisstes Stück des kosmologischen Puzzles gefunden
Astronomen entdecken einen Teil lange gesuchter baryonischer Materie in
einem Filament zwischen zwei Galaxienhaufen

Bild: ESA/XMM-Newton/ EPIC/ ESO (J. Dietrich)/ SRON (N. Werner)/
MPE (A. Finoguenov
|
|
Eine Brücke aus heißem Gas verbindet zwei Galaxienhaufen.
Kombination aus Röntgenbild und optischem Bild von Abell 222
und Abell 223.
|
Die Zusammensetzung des Universums bereitet den Astrophysikern großes
Kopfzerbrechen: Weit über 90 Prozent bestehen aus bisher unerforschten
Stoffen - drei Viertel aus der geheimnisvollen Dunklen Energie, die das
All auseinandertreibt, und etwa 21 Prozent aus Dunkler Materie, deren
Bestandteile die Physiker bisher nicht ergründen konnten. Ganze vier
Prozent des Universums setzen sich aus der uns vertrauten Form der Materie
zusammen, aus der auch wir selbst bestehen, der sogenannten baryonischen
Materie. Selbst dieser geringe Anteil gibt allerdings Rätsel auf:
Die bekannten Sterne, Galaxien und Gase im All machen zusammen nur
die Hälfte dieser vier Prozent aus. Jetzt hat ein Team von Astrophysikern
des Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik (MPE) und der
ESO in Garching bei München sowie zweier Institute in den Niederlanden
Hinweise auf einen Teil der vermissten Baryonen in einem brückenartigen
Filament zwischen zwei Galaxienhaufen gefunden (Astronomy & Astrophysics
Letters, Mai 2008).
Das Universum ist wie ein überdimensionales Spinnennetz aufgebaut:
Der Hauptteil der sichtbaren Materie ist entlang der faserartigen
Strukturen der Dunklen Materie angeordnet. An seinen Fäden und Knoten
hält dieses Gewebe riesige Brocken baryonischer Materie fest, die sich
aus Quarks und Leptonen zusammensetzen. Studien über den Urknall und
die Fluktuationen der kosmischen Hintergrundstrahlung ergeben recht
genaue Zahlen über das Vorhandensein von Baryonen im All. Aus den Berechnungen
wussten die Astronomen also seit langem, dass sich die verschollenen Teile
des kosmologischen Puzzles irgendwo verstecken müssen. Diese einzige direkt
beobachtbare Komponente im All aufzuspüren und zu verstehen ist die
Voraussetzung, um mehr über das Netz Dunkler Materie erfahren und die
Qualität verschiedener kosmologischer Modelle überprüfen zu können.
Der fehlende Anteil der baryonischen Materie wird von den Forschern seit
etwa neun Jahren in Form heißer, ultradünner Gasschleier besonders niedriger
Dichte zwischen größeren Strukturen vermutet. Wegen seiner hohen Temperatur
ging man davon aus, dass dieses Gas vor allem im fernen Ultraviolett- und
im Röntgenbereich strahlt. Die Wissenschaftler um Norbert Werner vom SRON
Netherlands Institute for Space Research haben deshalb das
Röntgen-Weltraumobservatorium XMM-Newton benützt, um die beiden Galaxienhaufen
Abell 222 und Abell 223 zu beobachten, die durch eine schmale Struktur
miteinander verbunden sind. Die Wahl fiel auf dieses System wegen seiner
besonders günstigen Geometrie: Man sieht die Materiebrücke schräg von
vorn fast entlang der Sichtlinie. Dadurch verstärkt sich ihre sehr geringe
Flächenhelligkeit durch die Projektion.
Das heiße, im Röntgenlicht sichtbare Gas, das die Wissenschaftler dort
fanden, ist Teil der bisher vermissten baryonischen Materie. Die Eigenschaften
des Gases, etwa Dichte und Temperatur, entsprechen im Wesentlichen dem, was
Simulationen vorhergesagt hatten. "Gerade diesen wärmsten Teil der fehlenden
Baryonen zu entdecken war wichtig, weil alle existierenden Modelle zwar die
verschwundene Materie in irgendeiner Form heißen Gases vermuten, sich aber
über die Extreme bisher nicht klar werden konnten", erklärt Alexis Finoguenov,
Astrophysiker am MPE.
Es ist das erste Mal, dass Wissenschaftler die Brücke aus Gas zwischen zwei
Galaxienhaufen im Röntgenlicht sehen können. "Bisher konnten wir nur die
Cluster sehen, sozusagen die dichten Knoten des Netzes. Nun können wir erstmals
auch die Verbindungsfäden des kosmischen Spinnennetzes studieren", so
MPE-Wissenschaftlerin Aurora Simionescu, Ko-Autorin der Publikation.
Die Entdeckung des Gases ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem
vollständigen Verständnis der Entwicklung des Kosmos. Die Verteilung und
Zusammensetzung der baryonischen Materie gibt Aufschluss darüber, was genau
nach dem Urknall ablief und welche Kräfte das Weltall heute und in Zukunft
dominieren. Die Astronomen wollen nun in weiteren Weltraummissionen vergleichbare
galaktische Systeme aufspüren. Langfristig wird es dazu notwendig sein, ein
speziell für diesen Zweck optimiertes Weltraumobservatorium zu bauen, das den
Kosmos mit weitaus höherer Empfindlichkeit durchsucht als die heutigen Satelliten.
Originalveröffentlichung:
Astron. & Astrophys., 482, L29-L33, 2008
(in englischer Sprache)
Pressemitteilung:
ESA Pressemitteilung (in englischer Sprache)
Weitere Informationen erhalten Sie von:
Dr. Mona Clerico
Pressesprecherin
Max-Planck-Institut für Astrophysik und
Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik
Tel.: +49 89 30000-3980
E-Mail: clerico@mpe.mpg.de
Dr. Alexis Finoguenov
Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik
Tel.: +49 89 30000-3644
E-Mail: alexis@mpe.mpg.de
Druckversion im pdf-Format
|
 |