10.000 Euclid-Linsen gesucht: MPE-Aufruf für Space Warps

21. April 2026

Das Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik (MPE) in Garching lädt die Öffentlichkeit ein, am Citizen-Science-Projekt „Space Warps" auf der Plattform Zooniverse teilzunehmen. In noch unveröffentlichten Aufnahmen des Euclid-Weltraumteleskops der ESA sollen Freiwillige starke Gravitationslinsen identifizieren. Die Wissenschaftler erwarten über 10.000 neue Kandidaten – mehr als in 50 Jahren aller früheren Entdeckungen zusammen.

Gravitationslinsen als kosmische Waagen

Massereiche Galaxien oder Galaxienhaufen biegen das Licht ferner Objekte und erzeugen verzerrte Lichtbögen, Mehrfachbilder oder sogenannte Einsteinringe. Diese Effekte funktionieren wie natürliche Teleskope: Sie ermöglichen präzise Massenmessungen einzelner Galaxien und zeigen die Verteilung von dunkler Materie, die sonst unsichtbar bleibt. Starke Gravitationslinsen ergänzen damit Euclids Hauptmethoden – den schwachen Gravitationslinseneffekt (statistische Verzerrung von Millionen Galaxien) und baryonische akustische Oszillationen (kosmische Großskalenmuster).

Die Datenflut, die selbst KI überfordert

Seit dem Start am 10. Juli 2023 liefert Euclid täglich 100 Gigabyte Daten. Im Quick Data Release 1 vom März 2025 wurden aus nur 0,04 Prozent des verfügbaren Materials bereits fast 500 starke Linsen identifiziert – die meisten davon neu und vorher unbekannt. Für den kommenden Data Release 1 stehen 72 Millionen Galaxien zur Auswertung bereit. Maschinelles Lernen hat daraus 300.000 vielversprechende Bilder herausgefiltert.

MPE-Forscher optimierten den Algorithmus entscheidend. Aus 29 Millionen Objekten reduzierten Leon Roman Ecker, Maximilian Fabricius, Stella Seitz und Roberto Saglia (MPE und LMU München) die Liste zunächst auf eine Million Kandidaten. Eine nachträgliche Verfeinerung der Kriterien brachte 27.000 weitere Zusatzkandidaten – darunter 72 neue Linsen, die 14 Prozent aller Q1-Funde ausmachen. „Selbst unsere besten Algorithmen übersehen helle, vielversprechende Kandidaten", erklärt MPE-Doktorand Leon Roman Ecker. „Die menschliche Intuition ist hier unverzichtbar. Data Release 1 profitiert direkt von diesen Optimierungen."

„30-mal umfangreicher als je zuvor", sagt Aprajita Verma, Mitbegründerin von Space Warps an der University of Oxford. „Mit den verbesserten Algorithmen erwarten wir über 10.000 hochwertige Kandidaten – mehr als in 50 Jahren aller früheren Entdeckungen zusammen."

Ihr Einsatz ist gefragt!

Sie haben Interesse an der Suche nach Gravitationslinsen im Euclid Datensatz teilzunehmen?

Hier finden Sie das „Space Warps“ Projekt.

Die Teilnahme ist einfach: Keine astronomischen Vorkenntnisse erforderlich. Ein zweiminütiges Tutorial vermittelt die Mustererkennung. Interessierte klassifizieren Bilder in maximal fünf Minuten pro Durchgang. Jede Entdeckung wird von mindestens fünf Personen bestätigt. Jetzt mitmachen – mit exklusivem Vorab-Einblick in, noch nicht öffentlich verfügbaren, Data Release 1.

Die zentrale Rolle des MPE

Das Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik (MPE) in Garching betreibt gemeinsam mit dem Max-Planck-Computing and Data Facility (MPCDF) das deutsche Science Data Centre (SDC-DE). Dieses Zentrum verarbeitet zehn Prozent aller Euclid-Daten und entwickelte die Filteralgorithmen, die die genannten 72 zusätzlichen Linsen ermöglichten.

Deutsche Partnerinstitutionen sind das Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, die Ludwig-Maximilians-Universität München, die Universität Bonn, die Ruhr-Universität Bochum, die Universität Bielefeld und die Deutsche Raumfahrtagentur (DLR) in Bonn. Die DLR koordiniert die deutschen ESA-Beiträge und fördert die beteiligten Institute mit 60 Millionen Euro aus dem Nationalen Raumfahrtprogramm. Mit einem Anteil von 21 Prozent ist Deutschland der größte nationale Beitragszahler zum ESA-Wissenschaftsprogramm.

Die Euclid-Mission im Detail

Euclid startete am 10. Juli 2023 von Kourou (Französisch-Guayana) und nahm am 14. Februar 2024 den wissenschaftlichen Routinebetrieb auf. Über sechs Jahre hinweg soll das Weltraumteleskop den Einfluss von dunkler Materie (27 Prozent) und dunkler Energie (68 Prozent) auf die Entwicklung des Universums vermessen. Zusammen machen diese beiden Komponenten 95 Prozent aller Materie und Energie aus, bleiben aber für direkte Beobachtungen unsichtbar.

Die Mission kartiert Milliarden Galaxien bis in zehn Milliarden Lichtjahre Entfernung. Aus minimalen Formverzerrungen der Galaxien (schwacher Gravitationslinseneffekt) und ihrer großräumigen Verteilung (baryonische akustische Oszillationen) entsteht die bisher präziseste dreidimensionale Karte der kosmischen Struktur. Am Projekt arbeiten über 2.000 Forschende von 300 Instituten aus 15 europäischen Ländern sowie den USA, Kanada und Japan.

Die ESA verantwortet Bau und Betrieb des Satelliten. Thales Alenia Space baute Satellit und Servicemodul, Airbus Defence and Space das Nutzlastmodul inklusive Teleskop, die NASA stellte die Detektoren für das Nahinfrarot-Spektrometer und -Photometer (NISP) zur Verfügung. Euclid ist eine Mittelklasse-Mission (M3) im Rahmen des ESA Cosmic-Vision-Programms.

 

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