Nachruf auf Reimar Lüst

Gründungsdirektor des MPE stirbt mit 97 Jahren

31. März 2020
Reimar Lüst ist am 31. März 2020 im Alter von 97 Jahren gestorben.

Als die Max-Planck Gesellschaft 1961 beschloß, eine Aktivität in der Weltraumforschung zu gründen, wurde Reimar Lüst die Leitung dieser Arbeitsgruppe übertragen. Zwei Jahre später wurde daraus das Institut für extraterrestrische Physik als Teil des Max-Planck Instituts für Physik und Astrophysik.

Die Gründung des MPE war durch das Ziel geprägt, die Umgebung der Erde, und ihre Wechselwirkung mit dem gerade entdeckten Sonnenwind experimentell im Weltraum zu untersuchen und zu verstehen. Dies war in den Nachkriegsjahren durch die Beschränkungen der Alliierten durchaus nicht leicht, führte aber durch Lüsts sehr gute Beziehungen mit Jacques Blamont in Frankreich zu den ersten erfolgreichen Forschungsraketenexperimenten in der Sahara. Das große Ziel der Erzeugung eines 'künstlichen Kometen' im Sonnenwind konnte allerdings erst zwanzig Jahre später unter der Ägide von Gerhard Haerendel verwirklicht werden.

Reimar Lüst erkannte früh die bedeutenden Möglichkeiten der Weltraumforschung für die Astronomie, die dann auch nach seinem offiziellen Ausscheiden als MPE-Direktor in den nächsten Jahrzehnten am MPE realisiert wurden. Er setzte sich zudem aktiv für die europäische Zusammenarbeit ein und wurde 1962 zum ersten wissenschaftlichen Direktor der europäischen Raumfahrtorganisation ESRO, der Vorläuferin der ESA.

Auch auf der wissenschaftspolitischen Ebene war Reimar Lüst einer der wichtigsten Akteure in der Nachkriegsaufbauphase der Bundesrepublik. Er war Vorsitzender des Wissenschaftsrats und, 1972-1984, Präsident der Max-Planck Gesellschaft. Seine Präsidentschaft war geprägt durch viele neue Reformen und Institutsgründungen, aber auch -schließungen.

Direkt nach der zweiten Amtsperiode als MPG-Präsident zog Herr Lüst nach Paris als Generaldirektor der ESA 1984-1990. Höhepunkte dieser Zeit waren das grüne Licht für die Ariane V, die Mitarbeit der ESA an der Raumstation mit dem europäischen Modul Columbus und der Vorbeiflug der GIOTTO-Sonde am Halley'schen Kometen 1986.

Nach seiner Zeit in Paris wechselte Reimar Lüst zurück nach Deutschland als Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung und als wissenschaftliches Mitglied des MPI für Meteorologie in Hamburg.

Neben diesen Hauptaufgaben hat Herr Lüst über Jahrzehnte die Rolle der Grundlagen- und Spitzenforschung gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit hervorragend vertreten. Er war Gründungsmitglied der ersten privaten Forschungsuniversität in Bremen, und hat bis vor wenigen Jahren die MPG beraten und international vertreten.

Wir sind stolz, dass Reimar Lüst sich in all diesen Jahren immer als MPE-ler gefühlt hat. Seine Besuche und jährlichen Anrufe zur Weihnachtszeit beim Geschäftsführenden Direktor, mit der berühmten Frage, "wie es denn dem Institut gehe", spiegelten diese Verbundenheit wider, wie auch die Tatsache, dass er sich noch nach Jahren an persönliche Aspekte der Institutsmitglieder erinnern konnte und sich nach ihrer gegenwärtigen Situation erkundigte.

Wir trauern um den Verlust des Vaters des MPE, eines herausragenden Wissenschaftsführers und eines großen Menschen. Wir werden seiner immer gedenken.

 

Ralf Bender

 

Paola Caselli

 

Reinhard Genzel

 

Gerhard Haerendel

Günther Hasinger

Gregor Morfill

 

Kirpal Nandra

Klaus Pinkau

 

Joachim Trümper

 

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